Lernen findet im Gehirn statt

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Deshalb widmete sich im November der „Tag der Lehre“ den Mechanismen von Lernen und Gedächtnisbildung im Gehirn. Außerdem gab es Workshops zu digitalen Kurskonzepten und zur Methode des Lerntagebuchs.

(BL) Statt von der Didaktik ging der Nachmittagsvortrag von Prof. Dr. Holger Schulze, Neurophysiologe am Universitätsklinikum Erlangen, von der Physiologie des Gehirns als Basis für Lehre und Lernen aus. Für die Zuhörer zunächst ein tiefer Sprung in die Anatomie der Großhirnrinde. Ihre Struktur und ihre Funktionsweise machen den Menschen aus. 100 Milliarden Nervenzellen mit je 10.000 synaptischen Verbindungen zu anderen Nervenzellen, Reizübertragung auf elektrischem und chemischem Weg, individuelle Muster von dendritischen Antennen an den Neuronen, Hemmung und Förderung von Verarbeitungsprozessen, sensorische Filter für selektive Wahrnehmung: Im Parforceritt ging es für die Zuhörer durchs Gehirn zu der Erkenntnis, dass jeder Mensch einmalig ist und sich von anderen durch die Art, wie er am besten lernt und welche Methoden besonders erfolgversprechend sind, unterscheidet. Allerdings dämpfte Schulze mögliche Erwartungen, wie viel geeignete Pädagogik, Didaktik und Lehre erreichen können: „Erziehung und Bildung können die angeborene Intelligenz nur bis zu einem Zehntel beeinflussen.“ Diese zehn Prozent gilt es karrieresteigernd zu nutzen. „Und“, so Präsident Prof. Dr. Bernd Kriegesmann „Lehre ist das Kerngeschäft der Hochschule“.

Neues im Gehirn zu verarbeiten, reicht jedoch noch nicht. Es muss auch im Gedächtnis gespeichert werden. Und hier, so Schulze, unterscheidet sich die menschliche Hirnkapazität von den Möglichkeiten des Computers. Der habe nämlich Arbeitsprozessoren und Speicher. Beim Menschen machen beide Vorgänge dieselben Nervenzellen, die Speicherung erfolgt dann durch Proteinsynthese und Umbau der Synapsen. Sind die Synapsen jedoch reizüberflutet, stockt die Speicherung. Pausen und Abwechslung sind daher nötig, wenn das Gelernte auch behalten werden soll. Schulze: „Der Lerntag sollte vielfältig gestaltet sein.“ Hinzu kommt, dass Nahrung die Speicherung begünstigen oder bremsen kann: Alkohol etwa ist Gift fürs Gedächtnis. Traubenzucker dagegen hilft. Ginkgo-Präparate übrigens auch, erzählte Schulze aus dem weiten Feld von Nahrungsergänzungsmitteln. Die Konsolidierung des Langzeitgedächtnisses erfolge im Schlaf.

Der GAU der Lehre sei, wenn der Lernende die Aufgabe dauerhaft nicht lösen kann. Die Folge ist, dass er nicht den Stoff, sondern die eigene Hilflosigkeit lernt. Das führt zu Aggression, Passivität oder Burn-Out-Effekten. Das Beste, was der Lehrende erreichen kann, ist der Aha-Effekt: Er motiviert den Lernenden und führt im Hirn zur Ausschüttung von Dopamin, einem Belohnungsbotenstoff, der nicht nur euphorisiert und aktiviert, sondern auch die Speicherung des Gelernten im Langzeitgedächtnis fördert.

Am Vormittag wurde nicht nur zugehört und diskutiert, sondern gearbeitet. Prof. Dr. Christian Willems von der Hochschulabteilung Recklinghausen stellte in einem Workshop sein Konzept des „Lerntagebuchs“ vor, das Studierende vom ersten Tag an begleitet und Lernerfolge sichtbar macht. Parallel stellten Prof. Dr. Tatjana Oberdörster und ihr Team von der Bocholter Forschungsgruppe „Digitale Lehre“ digitale Kurskonzepte und Tools vor, die Lehrende bei der Erstellung webbasierter Lerninhalte unterstützen.