Gut sortiert ist halb gewonnen

Mit der App auf Phone oder Tablet lässt sich, so Tobias Althoff vom Zentrum für Recycling-Technik, in Zukunft vielleicht leicht klären, ob der hier aufgereihte Abfall in die gelbe Recycling-Tonne gehört. Hätten Sie’s gewusst? Außer der Folie gar keiner. Foto: WH/BL

Wenn mehr Abfall als bisher in den Wertschöpfungsprozess zurückläuft, könnte der Rohstoffverbrauch in Deutschland um bis zu einem Viertel gesenkt werden. Anlass für das Zentrum für Recyclingtechnik an der Westfälischen Hochschule zu erforschen, wie sich die Sortenreinheit in den Abfallfraktionen steigern lässt, damit mehr für die Wiedernutzung von bereits verwendeten Rohstoffen rauskommt.

(BL) Dabei wollen sich die Wissenschaftler vor allem um die allerersten Abfallsammler kümmern. Das sind die Bürger und Bürgerinnen, die mit dem Abfall in der Hand vor der eigenen Abfalltonne stehen und sich fragen, ob der jeweilige Abfall da nun hineingehört oder woanders gesammelt werden muss, etwa im Glascontainer oder beim städtischen Recyclinghof. Oder noch schwieriger: Der Bürger und die Bürgerin fragen sich das nicht und werfen ihren Abfall einfach irgendwo rein, aus Gleichgültigkeit oder Bequemlichkeit. Ganz schlimm wird es, wenn der Abfall gar nicht in der Tonne landet, sondern an der nächsten, wenig einsehbaren Ecke als wilde Müllkippe endet. Hauptsache weg. Soll doch der Entsorger sammeln und sichten…

Tobias Althoff, Doktorand im Zentrum für Recyclingtechnik, will gemeinsam mit anderen Mitarbeitern aus dem Projekt „Find it – use it“ daher bei den Bürgern ansetzen: Wie kann man dem Bürger helfen und ihn motivieren, besser zu sortieren? Das Forschungsprojekt wird im Rahmen des EFRE-Programms gefördert. Das steht für den europäischen Fonds zur Regionalentwicklung, Trikon berichtete darüber bereits in Ausgabe 3/2016.

Den ersten Schritt dahin gehen die Forscher mit einer Inventur der jetzigen Situation. Dazu haben sie zusammen mit einem Mainzer Marktforschungsinstitut, das sich auf Abfallwirtschaftsexpertisen spezialisiert hat, eine Bürgerbefragung vorbereitet und durchgeführt. Tobias Althoff: „Wir haben in der Stadt Bottrop als Mustergemeinde drei repräsentative Versuchsgebiete ausgewählt: ein urbanes, ein suburbanes und ein ländliches Befragungsgebiet.“ Als Indikatoren kamen dabei die Bevölkerungsdichte, der Freiraumanteil, die Bauweise mit Ein- und Zweifamilienwohnhäusern oder in Mehrfamilienhaus-Bauweise, der Ausländeranteil und die Kaufkraft zum Zuge. Die drei Befragungsgebiete liegen im nordöstlichen Teil der Altstadt, in Batenbrock und in Kirchhellen.

Der Ankreuzbogen erfragte unter anderem die Erfahrungen und die Zufriedenheit der Bürger mit ihren verschiedenen Abfalltonnen, mit den städtischen Recyclinghöfen und der Entsorgung von Sperrmüll. Außerdem ging es beispielsweise um die Abfallplätze: Geht man gern dorthin und wirft seinen Abfall geordnet ab oder vermeidet man jede Sekunde, die man sich nicht unbedingt dort aufhalten muss, etwa wegen Dreckecken oder gar Ungeziefer. Dabei immer im Blick: die „lebendigen“ Biotonnen, die nicht bei jedem auf zoologisches Interesse stoßen, wenn es bei warmem Wetter in der Tonne wimmelt. Auch gefragt wurde, welche Ideen die Bürger selbst haben, um die Sortenreinheit der Abfallsammlung zu steigern: ein Gebührennachlass oder gar eine Vergütung für ordentlich trennende Haushalte? Die Bereitstellung von Sammelbehältern in der Wohnung etwa für Bio-Abfall oder Elektroschrott?

Aber natürlich haben die Forscher auch eigene Ideen. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir elektronische Medien einsetzen, um den Kontakt zwischen dem sammelnden Bürger und der Abfallentsorgungsgesellschaft zu verbessern.“ Streng nach dem Grundsatz „Was ich als App auf dem Smartphone habe, kann ich jederzeit nutzen“ könnte eine solche App also etwa Informationen enthalten, welcher Abfall in welche Tonne gehört. Oder man kann über das Smartphone direkt den Sperrmüll bestellen. „Und wenn der Umgang mit einer solchen App nicht nur zu erfolgreichen Ergebnissen führt, sondern darüber hinaus auch noch spielerisch ist“, ahnt Tobias Althoff, „könnten wir vor allem die nachwachsenden jungen Generationen zu mehr Abfalldisziplin führen.“

Schon heute haben 13 von 53 Städten im Ruhrgebiet eine Abfall-App im Angebot. Deren Funktionsumfang ist aber noch sehr unterschiedlich. Tobias Althoff und seine Kollegen haben sich alle schon existierenden Apps angeschaut: „In Gelsenkirchen, Bochum und Lünen etwa kann man im Wesentlichen nur Dreckecken melden“, so die Inventur, „in Hagen, Duisburg und Essen kann man sich schon von seinem Smartphone melden lassen, wann welcher Sammeltag ist.“ Noch ist jedoch die Zahl der Abfall-App-Nutzer eher gering. Wie es zurzeit um die Nutzung von Smartphone-Applikationen in der Abfallwirtschaft des Ruhrgebietes steht, hat Althoff im März bei einem Doktorandentreff der Fachgruppe Ressourcen im Graduierten-Institut Nordrhein-Westfalen präsentiert.

Doch den forschenden Entwicklern schweben auch noch weitere digitale Möglichkeiten vor. Althoff: „Wir schauen uns auch an, wo und wie digitale Sensoren helfen können.“ Am Ende soll eine zweite Befragung zeigen, ob testweise installierte Technik in den Versuchsgebieten zu besseren Stoffflüssen in der Abfallwirtschaft führen kann. Und dann wird sich zeigen, ob der Projektname sich auch als „Find IT, use IT“ lesen lässt.