Wie Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien die Welt verwirren

Aktualität und Brisanz des Themas führten nicht nur Studierende und Lehrende, sondern auch zahlreiche Bürgerinnen und Bürger in den Vortrag von Prof. Dr. Andreas Beyer über Pseudowissenschaften, „Fake News“ und Verschwörungstheorien. Foto: WH/BL

Sie bieten scheinbar einfache Antworten auf schwierige Fragen und helfen doch nicht dabei, die Welt wirklich zu verstehen. Wie Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien arbeiten und wie mit ihnen vernunftbegabte Menschen in die Irre geleitet werden können, darüber referierte im Januar der Naturwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Beyer an der Hochschulabteilung Recklinghausen. Mit seinem öffentlichen Vortrag und anschließender Diskussion antwortete er auf eine Vortragsreihe der „Offenen Akademie“ in Recklinghausen, die seiner Ansicht nach in mancherlei Hinsicht den Anforderungen an wissenschaftliche Diskurse nicht genügen.

(BL) „Der eine sagt so, der andere sagt anders“, sagt der Volksmund. Doch wer spricht die Wahrheit? Wenn es nicht um Meinungen geht, die nebeneinander bestehen können, ist es sehr schnell sehr schwer zu entscheiden, was richtig ist und was falsch, weil der Einzelne leicht an die Grenze seines eigenen Wissens, des gesicherten Kenntnisstands und damit seiner Beurteilungskraft kommt. Aber wer will das schon zugeben? Leichter ist es, einfachen Antworten auf schwierig zu klärende Fragen glauben zu wollen. „Wer keine Antwort weiß, glaubt gerne im positiven Fall an Wunder oder im negativen Fall an Verschwörungen“, erläutert Prof. Dr. Andreas Beyer, Naturwissenschaftler an der Hochschulabteilung Recklinghausen, „damit einher gehen der innere Friede und die Überzeugung, Bescheid zu wissen.“ Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus hilft das den Menschen aber nicht weiter und engt nur ihre Sichtweise ein. Beyer erläuterte daher in einem öffentlichen Vortrag an der Hochschulabteilung Recklinghausen, was Wissenschaft von Pseudo- und Parawissenschaften unterscheidet und dass der Glaube an Verschwörungen nur so lange hilft, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Als „Vorspann“ zu seinem Vortrag lieferte Beyer eine kurze Einführung in die Methode des wissenschaftlichen Diskurses: „Wissenschaft ist ergebnisoffen und stellt sich der Diskussion. In jeder wissenschaftlichen Diskussion müssen Argumente durch Tatsachen belegt werden. Hypothesen müssen an der Realität überprüft werden, man muss mit ihnen arbeiten können. Und: Sie müssen sich bewähren. Aus Versuchen und Beobachtungen werden Hypothesen abgeleitet, die immer wieder überprüft und schließlich als richtig angenommen werden. Aber sie können auch scheitern. Beyer: „Visionen oder Schauungen historischer oder lebender Personen oder wie auch immer geartete Offenbarungen eignen sich dazu nicht.“

Und dann ging es Schlag auf Schlag: Die Mondladung ist eine Falschmeldung? Alle Argumente dafür seien leicht technisch zu widerlegen, so Beyer, außerdem seien inzwischen so viele Belege im Internet frei zugänglich, dass sich jeder ein eigenes Bild von Wahrheit und Lüge machen könne. Schon schwieriger ist die Frage, ob Impfungen nutzen, sinnlos sind oder schaden oder nur dem Gewinnstreben der Pharmaindustrie dienen. Beyer: „Hier muss man genau hinschauen. Dann wird man merken, dass Impfgegner das zufällige Zusammentreffen von Ereignissen unzulässig als Ursache und Wirkung verstehen wollen. Etwa die Behauptung, dass es durch das Impfen mehr Autismusfälle unter Kindern gebe. Eine wichtige, oft von Impfgegnern zitierte Studie dazu wurde inzwischen zurückgezogen, geistert aber weiter durchs Internet.“

Ist das HI-Virus irgendwann irgendwie vom Tier auf den Menschen übergegangen oder war es eine geheime Biowaffe der US-Regierung? Hier, so Beyer, müsse man schon sehr tief in die Molekularbiologie einsteigen, um wahr von falsch unterscheiden zu können. Und man müsse sehr genau auf die Jahreszahl schauen, wann welche Studie veröffentlicht wurde. Beyer: „Die meisten frühen Theorien über den HIV-Ursprung wurden mittlerweile widerlegt, bis nur noch der Sprung auf den Menschen in Afrika und die Verbreitung unter ihnen bei gleichzeitiger ständiger Wandlung des Virus übrig blieb.“

Bei der Frage, ob das Fluten der stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet Grundwasser und Brunnen vergiftet, bekam Andreas Beyer Unterstützung von anwesenden Gutachtern und Geologen. Was wirklich passiert, wird die Zukunft zeigen, die wissenschaftliche Diskussion muss auch aushalten, Aussagen nur unter dem Primat des gegenwärtigen Wissens machen zu können. Der Glaube an eine dunkle Verschwörung von geldgierigen Kapitalisten und bösen Mächten helfe da aber nicht weiter. Beyer: „Solche Fragen werden öffentlich diskutiert und es gibt Hunderte bis Zigtausende Mitwisser. Gäbe es wirklich eine Verschwörung, so käme sie unweigerlich irgendwann ans Tageslicht.“ Solange das nicht erfolgt, muss man nicht an Verschwörungen glauben, die es natürlich auch in der Welt gibt. Beyer: „Zum Beispiel ist jeder Geheimdienst jeden Staates eine Verschwörung gegen andere Staaten.“

Bleibt noch die Frage, ob sich die Welt auf einen oder mehrere Schöpfungsakte höherer Wesen gründet oder ob sich die Welt kontinuierlich seit dem Urknall zu dem entwickelt hat, was sie heute ist. Diese Frage, so Beyer, sei so groß, dass der Fragende ganz schnell vom Detailreichtum der Beobachtungen dazu erschlagen werde. Dass die Evolution nicht „auf blankem Zufall“ beruhe, sei kein Argument, dass es sie nicht gebe: „Gezielte Entwicklung heißt hier, dass die Evolution durch Umweltfaktoren kanalisiert wird. Die Behauptung, dass es dadurch nicht zu einer Entwicklung von primitiven zu hoch entwickelten Lebensformen kommen könne, ist – so ausgedrückt – schlicht falsch.“

In der Diskussion zum Ende des Vortrages kamen aus dem Publikum durchaus Gegenstimmen, die zum Teil so emotional vorgetragen wurden, dass man um die Sachlichkeit der Diskussion fürchten musste, die das Publikum dann auch einforderte. Der Vortragende ließ jedoch den Gegenstimmen trotzdem viel Redezeit zukommen: „Die Wissenschaft lebt von der Diskussion. Die daran Interessierten müssen alle selber und jeder für sich die Sachlichkeit und die Regeleinhaltung wissenschaftlicher Diskurse entscheiden.“