Vom Kampf des Sisyphos

Volker Kersting (hinten am Pult) vom Zentrum für interdisziplinäre Sozialforschung der Ruhr-Universität Bochum belegte die Kinderarmut im Ruhrgebiet mit umfassenden wissenschaftlichen Ergebnissen. Foto: IAT

Eine Tagung am IAT suchte nach Ursachen und Lösungsmöglichkeiten gegen die Armut von Kindern im Ruhrgebiet.

(CB) Armut lässt sich als statistische Größe messen – ein Viertel der Bevölkerung im Ruhrgebiet gilt als arm, bei den Kindern liegt die Quote zum Teil über 40 Prozent. Für die Betroffenen bedeutet arm zu sein viel mehr als nur Zahlen: Herausforderung, Kampf und manchmal Verzweiflung. Und die finanzschwachen Kommunen kämpfen wie Sisyphos – bauen neue Kitas, fördern Sozial- und Bildungsprojekte, um dann festzustellen, dass alles nicht reicht. Mit der „Kinderarmut im Ruhrgebiet – Ursachen und Lösungsmöglichkeiten“ befasste sich Anfang Februar eine Fachtagung am Institut „Arbeit und Technik“ (IAT).

„Die Zukunft wird in der Region früh verspielt“, so die von den rund 90 Anwesenden viel diskutierte – und leider bestätigte – These. Dabei ist die Sachlage längst kein Spiel mehr. In den letzten Jahren hat es dramatische Veränderungen gegeben durch den „Import von Armut aus der EU“, vor allem aus Südost-Europa. Wer von dort kommt, zieht nicht nach Düsseldorf oder Münster, sondern nach Gelsenkirchen, Essen oder in andere Revierstädte, wo es sich mit dem Sozialgeld wegen billigen Wohnraums und niedriger Lebenshaltungskosten gut leben lässt – im Vergleich zum Herkunftsland „wie im Paradies“. Die Ruhrgebiets-Kommunen, die sich beim Ausbau von Kindertages- und U3-Betreuung vor fünf Jahren noch auf der Zielgeraden wähnten, kommen nicht nach mit dem Bau von Kitas – und nachfolgend auch Schulen.

Die Auswirkungen und Begleiterscheinungen von Armut sind bekannt: Viele Kinder haben Übergewicht, sind sprachauffällig, werden von den oft bildungsfernen Eltern kaum gefördert, haben eine schlechte Körperkoordination. Was hilft, ist ebenso bekannt: früher Spracherwerb, frühe Kita, Sportverein, direkter Kontakt und persönliche Ansprache, damit soziale Teilhabe und dann auch die Schul- und Berufslaufbahn gelingen. Eine Vielzahl von Projekten ist in den Kommunen aufgelegt worden – nicht nur kleinteilig und befristet, sondern auch langfristig und nachhaltig. Einzelerfolge zeichnen sich ab, an den Strukturen ändert das bisher wenig. „Allein im Ruhrgebiet ist das Problem nicht zu lösen – da sind Land und Bund gefordert“, so ein Fazit der Tagung.

Ausstellung

Donnerstag, 06. Februar, bis Samstag, 09. Mai 2020:
 
Parallelwelten - Fotoarbeiten zur Kinderarmut

Fotografieausstellung im Wissenschaftspark Gelsenkirchen

Termine im Internet:
www.wipage.de/detail/termin/parallelwelten-fotoarbeiten-zur-kinderarmut