Führung zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ihr neues, gemeinsam mit Psychoanalytiker Marius Neukom veröffentlichtes Lehrwerk zu kompetenter Führung setzt Volkswirtin Prof. Dr. Eva-Maria Lewkowicz (l.) vom Recklinghäuser Fachbereich Wirtschaftsrecht auch in der Lehre ein, etwa in Seminaren zu Organisation und strategischem Management. Foto: WH/BL

Schaut man in die Literatur, könnte man denken, Führungsstile gebe es wie Sand am Meer: autoritär oder kooperativ, passives Laissez-faire oder aktiv destruktiv, eher der Tradition verpflichtet oder richtungsbezogen und veränderungsorientiert. Bei transformationaler und transaktionaler Führung steigen die ersten spätestens aus. Fehlen noch ethische und authentische Führung und wahrscheinlich noch ein paar mehr. Prof. Dr. Eva-Maria Lewkowicz vom Recklinghäuser Fachbereich Wirtschaftsrecht hat gemeinsam mit Koautor Dr. Marius Neukom einen anderen Ansatz gewählt: Sie vereinen betriebswirtschaftliche und psychologische Konzepte, loten die Grenzen der menschlichen Vernunft und Kontrolle aus und zeigen, wie Führung unter Berücksichtigung emotionaler Gesichtspunkte gelingen kann.

(BL) Die meisten Konzepte sind einseitig“, so Prof. Dr. Eva-Maria Lewkowicz, „wir wollen, dass kompetente Führung den Menschen als Ganzes sieht, mit seiner bewussten und seiner unbewussten Seite. Die Kombination von Sache und Empathie fördert in der Führung Gesundheit und damit Arbeitsfähigkeit der Mitarbeitenden.“ Als Volkswirtin hatte sie daher mit Psychoanalytiker Marius Neukom das passende Gegenüber, um in der Führungslehre den „homo oeconomicus“ als ausschließlich wirtschaftlich denkenden und rationalen Nutzenmaximierer und den sozial und emotional eingebetteten Menschen allein oder in Gruppen zusammenzusehen und ausgewogen zu leiten.

Dazu, so die Autoren, müssen Führungskräfte authentisch, selbstreflexiv, offen und transparent, ausgewogen und glaubwürdig denken, sein und handeln. „Wer das schafft, ist nahezu automatisch erfolgreich und erfolgreicher als andere“, verheißt Lewkowicz den Führungskräften.
Führungskompetenz basiere auf der Fähigkeit, sich zu verständigen und hat daher sehr viel mit Kommunikation zu tun. Dabei geht es nicht nur um den rational handelnden Menschen, sondern auch um unbewusste, emotionale und gruppendynamische Prozesse sowie um Vertrauensbildung. Besonders wichtig sei dies in Zeiten, die von Wandel und Unsicherheit geprägt sind. „Uns erscheint es als zentral“, so Prof. Dr. Eva-Maria Lewkowicz für das Autorenteam, „Betriebswirtschaft und Psychodynamik zusammenzudenken, um einerseits erfolgreich wirtschaften zu können, ohne zahlreiche, scheinbar unverständliche Nebenschauplätze zu eröffnen und um andererseits Organisationen in ihrer Funktion als Anker für menschliche Bedürfnisse zu stärken.“ Denn, so Lewkowicz, „Organisationen sind von Menschen gemacht und werden für Menschen unterhalten.“ Stete Harmonie und Einigkeit sind trotzdem nicht zu erwarten: Zum Erfolg gehören auch ein nützliches Maß an Widerspruch, Spannung, Risiko und Konflikt unter den beteiligten Personen.

Ihre Leser wollen die Autoren dazu anregen, sich selbst als Führungskräfte in Frage zu stellen, sich Lernziele zu setzen und Antworten auszuprobieren. Da dasselbe auch für angehende Führungskräfte gilt, setzt Prof. Dr. Eva-Maria Lewkowicz das neue Buch auch als Lehrstoff in ihren Vorlesungen ein, etwa in den Seminaren zu Organisation und strategischem Management. Außerdem ist sie ehrenamtliche Dozentin in der Coaching-Weiterbildung am „Institut für psychodynamische Organisationsentwicklung und Personalmanagement Düsseldorf e.V.“ (POP).

Alles auf einmal überfordert aber eigentlich jeden Vorgesetzten, auch davon sind die Forscher überzeugt. „Die Kultur der westlichen Welt fordert Individualismus ein und will stets das Wahre gegenüber dem Falschen verteidigen. Führungskräfte sollen meisterhaft und vorbildlich sein. Das ist ein Ideal, eine Fiktion und ein Mythos, die als konkrete Anforderung an Führungspersonen eine Unmöglichkeit darstellen.“ Sich die Anforderungen klar zu machen, sich ihnen zu stellen und die Passung zwischen dem eigenen Empfinden, den eigenen Werten und den äußeren Bedingungen und Möglichkeiten zu versuchen, bedeutet, sich auf den Weg zu machen und es lohne, auch wenn das Ziel als Ideal unerreichbar bleibe. „Das ist der Trost, wenn’s mal nicht ganz so gut läuft.“ Das Verständnis für das Nötige, Einsicht und Toleranz gegenüber der eigenen Fehlbarkeit und eine daraus resultierende Bescheidenheit machten aber die Tür auf für Entwicklungen: für den Vorgesetzten und für den Vorgesetzten in der Interaktion mit den Mitarbeitenden.

Mit einer psychodynamischen Perspektive könne es Führungskräften gelingen, empathisch, verantwortungsvoll und schließlich auch ethisch zu handeln. Als Lohn winkt der individuelle Seelenfriede. Und damit, so die Autoren in ihrem Schlusswort, lasse sich viel erreichen.

Lewkowicz, Eva-Maria u. Neukom, Marius: Kompetent führen. Schäffer-Poeschel: 2019