Mehr Geld für häusliche Pflege

Als Master-Projektarbeit kümmerten sich (v.l.n.r. mit Blumenstrauß) Philipp Schlüter, Joana Quade, Rebecca Lenders und Marielle Herdieckerhoff um ein Konzept zur leistungsgrechten Vergütung der häuslichen Krankenpflege. Dabei nutzten sie Daten der „Ambulanten Pflegedienste Gelsenkirchen“ (APD). Deren Geschäftsführer Claudius (l.) und Anja (2.v.r.) Hasenau betonten bei der Vorstellung des Projektberichts, dass es sich wohl um mindestens eine der ersten Untersuchungen zu dieser Form der Finanzierung häuslicher Krankenpflege handele seit einer Gesetzesänderung zum ersten Januar 2019. Vielleicht sogar die bundesweit erste, die fertig wurde. Rechts: die Betreuer von der Westfälischen Hochschule, Prof. Dr. Thomas Heide (r.) und Prof. Dr. Bernhard Bergmans (2.v.r.). Foto: WH/BL

Eine Unterdeckung von bis zu zehn Euro pro Stunde. Das ist das Ergebnis einer Projektstudie, die vier Masterstudenten des Recklinghäuser Fachbereichs Wirtschaftsrecht der Westfälischen Hochschule erarbeiteten. Es ergibt sich aus einer Matrix für leistungsgerechte Vergütung und basiert auf Daten des Pflegedienstes APD (Gelsenkirchen).

Wie sieht eine leistungsgerechte Vergütung in der häuslichen Krankenpflege aus? Auf diese Frage gaben die Masterstudierenden Marielle Herdieckerhoff, Rebecca Lenders, Joana Quade und Philipp Schlüter eine Antwort. Sie nahmen die Kostenstruktur der APD, die mit mehr als 500 Mitarbeitenden einer der größten privaten Anbieter in Deutschland ist, unter die Lupe. Auf dieser Grundlage erstellten sie eine Matrix, mit der Unternehmen in Verhandlungen mit den Kostenträgern in Zukunft ihre tatsächlichen Kosten sachgerecht darlegen und verhandeln können. Dabei zeigt sich: Unternehmen erhalten für Leistungen der häuslichen Pflege zu wenig Geld, pro Stunde fehlen etwa zehn Euro.

Seit 1. Januar 2019 erlaubt das Pflegepersonalstärkungsgesetz, dass Pflegeunternehmen eine leistungsgerechte Vergütung der häuslichen Krankenpflege gemäß Sozialgesetzbuch V zusteht. Die Kassen erlaubten in der Vergangenheit bei den Kostenvergütungen lediglich eine maximale Steigerungsrate gemäß der Grundlohnsummensteigerung. Einen nach ökonomischen Prinzipien errechneten Stundensatz, der zum Beispiel auch Elemente der Eigenkapitalverzinsung und des unternehmerischen Risikos enthält, gab es nicht. „Im neuen Gesetz wurde leider nicht ausgeführt, wie sich die leistungsgerechte Vergütung genau zusammensetzt. Diese Lücke haben die Studenten geschlossen. Das versetzt uns in die Lage, mit den Kassen neu zu verhandeln, um in Zukunft unsere Pflegekräfte besser bezahlen zu können“, so APD-Geschäftsführer Claudius Hasenau. Während des Wintersemesters 2019/2020 betraten die vier Masterstudierenden für sie thematisches Neuland und tauchten tief in den Alltag des Pflegeunternehmens ein. Sie begleiteten die Morgen- und Abendtouren, stoppten die Zeit der Behandlungspflege und sammelten viele Informationen. Für ihre Arbeit stellte die APD-Gruppe nicht nur unternehmerisches Datenmaterial und fachliche Ansprechpartner zur Verfügung, sondern auch die Möglichkeit von Hospitanzen und Interviews und ein Vor-Ort-Büro mit Hard- und Software. Hasenau stattete die Studierenden außerdem mit einem dicken Paket Fachliteratur aus. Begleitet wurden die Studierenden zusätzlich durch den Dortmunder Sozialrechtler Dieter Otto, der die APD seit vielen Jahren vor Gericht vertritt.

Ein „Win-win“ für beide Seiten sei das Projekt gewesen, urteilten Prof. Dr. Thomas Heide und Prof. Dr. Bernhard Bergmans vom Fachbereich Wirtschaftsrecht, die die Ergebnisse der Arbeit Mitte Februar mit ihren Studierenden der APD präsentierten. „Wie wirtschaftlich-juristisches Know-how unserer Hochschule auf die Strukturen eines klassisch ambulanten Pflegedienstes traf, war hoch interessant. Dabei zeigte sich die APD als Unternehmen ungewöhnlich offen und erlaubte uns Einblicke, wie Pflege wirklich läuft. Genau das brauchten wir, um zu tragfähigen Ergebnissen zu kommen.“

Dass diese nicht in der Schublade verschwinden, steht jetzt schon fest. Eine große Krankenkasse, so Hasenau, habe bereits Interesse signalisiert. Claudius Hasenau: „Wir werden die Strukturen, die hier erarbeitet wurden, als Grundlage nehmen, um mit dieser Krankenkasse in die Verhandlungen für 2021 zu gehen.“ Darüber hinaus wird der APD-Chef das Berechnungsinstrument Branchenpartnern zur Verfügung stellen, um so auch politischen Druck zu erzeugen, zum Beispiel über die Ruhrgebietskonferenz Pflege oder den Bundesverband Wohnen in Gemeinschaft. Claudius Hasenau: „Hurra-Rufe der Kostenträger erwarte ich nicht. Man wird uns nichts schenken. Aber dank der Pionierarbeit der Studierenden der Westfälischen Hochschule haben wir gute Argumente, die wir notfalls auch vor dem Sozialgericht vorbringen und bewerten lassen können.“ (Susanne Schübel)