Nachhaltige Biotechnologie

Die Bioprozesstechnik-Tagung „Bioprocessing Days“ hatte 2020 das Thema der nachhaltigen Biotechnologie. Vorne von links nach rechts: Präsident Prof. Dr. Bernd Kriegesmann, Jonathan Sturm und Prof. Dr. Frank Eiden vom Recklinghäuser Fachbereich Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie Dr. Holger Müller, Praxispartner von der Firma „BlueSens gas sensor“ in Herten. Foto: WH/BL

Polymere werden heute in der Regel aus Erdöl hergestellt. Sie können aber auch aus nachwachsenden Rohstoffen oder sogar aus Abfall mit biotechnologischen und chemischen Verfahren hergestellt werden. Oft sind sie biologisch abbaubar. Der nachhaltigen Biotechnologie widmeten sich in Recklinghausen die fünften „Bioprocessing Days“ unter der Leitung von Prof. Dr. Frank Eiden.

(BL) Technische Biopolymere können aus pflanzlichen Rohstoffen wie Stärke oder Zellulose hergestellt werden. Dr. Harald Ruijssenaars stellte den Weg des niederländischen, weltweit tätigen Unternehmens Corbion vor. Vor allem aus Rohr- und Rübenzucker erzeugt Corbion Biopolymere wie Polymilchsäuren oder Oligomilchsäuren. Daraus werden Lebensmittelzusätze für Backwaren oder Fleischprodukte, Reinigungs- und Pflegemittel oder Medikamente. Sogar Betonzuschlagstoffe können auf diese Weise erzeugt werden. Sie sorgen dafür, dass sich Risse im Beton mit Hilfe von sich selbst ansiedelnden Bakterien auf der Nahrungsbasis der Biopolymere „wie von selbst“ schließen. Auch als Getränkeflaschenmaterial ist Bioplastik nützlich und „besser als PET“, so Ruijssenaars. Zurzeit steht Corbion bei solchen Biokunststoffen auf der Schwelle von Labor- und Pilotphase zur industriellen Großproduktion, die für die kommenden Jahre geplant ist.

Mit ihrem Bioplastikprogramm, so Ruijssenaars, orientiert sich Corbion an den UN-Zielen verantwortungsvoller Produktion und Konsum. Zucker als Rohstoffbasis habe den Vorteil, dass Zuckerrohr oder Zuckerrüben nahezu weltweit anbaubar sind und so weltweite Transporte von Rohstoffen vermieden werden können.

Eine ganz andere „Rohstoffbasis“ für Biokunststoffe stellte Dr. Sebastian Riedel von der TU Berlin vor: Fett. Und zwar Fett aus tierischen Schlachtabfällen. Sie, so Riedel, verdrängen keine Nahrungsmittelproduktion und seien ebenfalls in großer Menge und lokal beziehungsweise regional verfügbar. Also auch hier keine langen Transportwege mit entsprechender Kohlendioxidemission. Fett sei allerdings im Prozess schwierig, da träge. Es ist die Nahrungsbasis für eine Bakterie, die von dem Fett lebt und dabei PHA (Polyhydroxyalkanoate) einlagert. Aus einem Gramm Fett als Futter wird dabei etwa ein Zweidrittelgramm dieser Biopolyester als Ernte. Genutzt werden die Biopolyester für Fasern oder für Spritzgussanwendungen. Die TU Berlin befindet sich mit diesem Verfahren am Ende der Laborphase und setzt zur Produktion der Biopolymere Reaktoren von 150 Litern ein.

In seiner Ansprache an die Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen betonte Hochschulpräsident Prof. Dr. Bernd Kriegesmann, dass es für solche nachhaltigen Entwicklungen in der Industrie mehr Anreizsysteme geben müsse, aber es auch noch an vielen Stellen an Wissen fehle. Wissen auszutauschen war genau der Ansatz des Kongresses. Kriegesmanns Appell an die Wissenschaftler: „Leisten Sie globale Beiträge zur Nachhaltigkeit!“

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