Der Mensch muss in den Mittelpunkt

Zum Ende des letzten Wintersemesters wurde Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup (M.) vom Recklinghäuser Fachbereich Wirtschaftsrecht pensioniert. Seine Kollegen Prof. Dr. Ralf-Michael Marquardt (l.) und Prof. Dr. Peter Pulte (r.) gaben ihm zu Ehren im Auftrag des Fachbereich eine Festschrift heraus: „Mythos soziale Marktwirtschaft“. Foto: WH/BL

„Mit Heinz-Josef Bontrup geht einer der profiliertesten Kollegen an der Westfälischen Hochschule." So formulierte es Präsident Prof. Dr. Bernd Kriegesmann anlässlich dessen Abschiedsvorlesung. Seine Kollegen Prof. Dr. Ralf-Michael Marquardt und Prof. Dr. Peter Pulte (r.) gaben ihm zu Ehren im Auftrag des Fachbereichs eine Festschrift heraus: „Mythos soziale Marktwirtschaft“.

(BL) Er blieb sich treu. Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrups berufslebenslanges Credo stellt den Menschen in den Mittelpunkt jeder Wirtschaftsaktivität. Dabei schlug er den ganz großen Bogen von Arbeit, Kapital und Umwelt. Adam Smith? Die französische Revolution? Karl Marx und John Maynard Keynes? Konrad Adenauer und Hans Böckler? Sie alle und noch einige andere Größen der Wirtschaft und der Wirtschaftstheorien dieser Welt kamen in seiner Abschiedsvorlesung Ende Januar vor. Wer ihn kennt, weiß wie: mit Verve, mit klaren Positionen, mit polarisierenden Ansichten und ohne jede Scheu, alles in Frage zu stellen, um im wissenschaftlichen Diskurs und dialektisch auszuloten, welche Möglichkeiten sich zur Verbesserung der Welt ergeben. Alternativlosigkeit kommt im Sprachschatz von Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup nur vor, wenn er beweisen will, dass es sie gar nicht gebe. „Mit Heinz-Josef Bontrup geht einer der profiliertesten Kollegen an der Westfälischen Hochschule“, ehrte ihn Präsident Prof. Dr. Bernd Kriegesmann. „Er hatte immer den Mut, das zu sagen, was nicht dem Mainstream entspricht, ohne deswegen Stammtischniveau zu bemühen, sondern um wissenschaftlich begründet am gesellschaftlichen Diskurs zu rütteln, an dem, was vordergründig Konsens zu sein scheint.“

Die Abschiedsvorlesung von Bontrup streifte alle ihm am Herzen liegende Themen und konnte schon aufgrund der Themenmenge wohl kaum in eine Zeitstunde passen. Passten sie auch nicht. Vorteil der vielen kundigen Zuhörer aus ganz Deutschland war, dass sie schon im Stoff waren. Den anderen flogen die Inhalte mit hohem Tempo rechts und links um die Ohren. Die Spreizung der Einkommen etwa und ihre Herkunft. Ob auf eigener Arbeit basierend oder durch Kapitaleinsatz auf der Arbeit anderer Menschen beruhend. Oder: Wie der Neoliberalismus mit Finanzspritzen Einfluss auf Wissenschaft und Forschung nehme, statt dass Forscher sich auf die Freiheit von Lehre und Forschung verlassen, deren Finanzierung daher allein dem Steuerzahler und damit der Gesellschaft obliege. Wie der demokratische Staatsüberbau es zulasse, dass die Wirtschaft undemokratisch verfasst sei. Und immer wieder die Frage nach der Macht im Verteilungskampf der Ressourcen. Bontrup: „Arbeit, Umwelt und Kapital hängen wechselseitig voneinander ab. Aber das Kapital verschiebt die Markt-Macht zu eigenen Gunsten und Politik und Rechtsprechung legitimieren das.“ Bontrup fordert die Demokratisierung der Wirtschaft. „Mitbestimmung ist ein Ausdruck von Freiheit. Deshalb muss der Mensch über die Verwendung seiner Arbeit mitbestimmen können.“ Bontrup findet den Weg auch in moralische Fragen: „Es ist unmoralisch, einen Mehrwert für sich selbst durch die Arbeit anderer zu erwerben.“ Dabei zitiert er John Locke, einen englischen Philosophen und Aufklärer des 17. Jahrhunderts: „Die Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände, so können wir sagen, sind im eigentlichen Sinne sein.“ Bontrup stellt dem noch ein „nur“ voran. Damit erteilt er dem Gewinn nur aus Kapital eine Absage, genauso aber auch dem „bedingungslosen Grundeinkommen“. Dann geht Bontrup noch schnell an eine, wie er findet, „unbezweifelbare Grundaussage“ der Volkswirtschaft: Mit Produktivität und Inflation muss auch der Lohn steigen. Das gehe nur durch Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Die Lösung aller Probleme? Vielleicht, doch nach Bontrup eine Lösung, die nicht von Kapital und Arbeitern durchgesetzt werde: „Hier muss die Politik ran.“

Als „Abschiedsgeschenk“ veröffentlichte der Fachbereich Wirtschaftsrecht eine Festschrift für Heinz-Josef Bontrup: „Mythos soziale Marktwirtschaft“. Als Herausgeber wirkten seine Professorenkollegen Ralf-Michael Marquardt und Peter Pulte, die auch selbst neben weiteren 21 Autoren Beiträge schrieben. Erschienen ist sie im Papy-Rossa-Verlag. „Die Festschrift zusammenzustellen war leicht“, so Marquardt, „denn als wir die Autorenliste zusammenstellten, sagten alle, die wir ansprachen, sofort zu: ‚Für Heinz? Klar!‘“