Nach(haltig)gedacht

Verena Jürgens will zukünftig mit vielen Menschen an der Hochschule ins Gespräch kommen und mit ihnen Ideen zur Verbesserung hin zu mehr nachhaltigem Handeln sammeln. Denn im Alleingang oder nur durch Vorschriften ließe sich das Thema Nachhaltigkeit nicht entwickeln, weiß Jürgens: „Wir müssen und sollten uns gemeinsam auf den Weg machen und Lösungen finden, die zur Westfälischen Hochschule passen.“ Schon jetzt arbeiten Prof. Dr. André Latour (nicht im Bild) und Jürgens an verschiedenen Konzepten. Für eine mögliche Kontaktaufnahme zum Thema gibt es bereits die passende E-Mail-Adresse nachhaltigkeit@w-hs.de. Foto: WH/MV

Nachhaltigkeit ist aktuell ein häufig verwendetes und zu lesendes Wort, das gern auch in Zusammenhang mit dem Klimawandel Verwendung findet. Doch was verbirgt sich dahinter, was macht oder kann eine Hochschule in Sachen Nachhaltigkeit machen oder jeder und jede Einzelne? Antworten auf diese Fragen kann Verena Jürgens geben. Sie startete vor kurzem in ihren neuen Job an der Westfälischen Hochschule als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Nachhaltigkeit im „Zentrum für Kooperation in Lehre und Forschung“. Dort unterstützt sie den neuen Vizepräsidenten Prof. Dr. André Latour, der seit August an der Westfälischen Hochschule für die Themengebiete „Nachhaltigkeit und Internationales“ verantwortlich zeichnet.

(MV) Verena Jürgens wuchs naturverbunden auf und interessierte sich schon sehr früh für das Zusammenspiel von Menschen und Natur. In Paderborn geboren und in der Nähe auf dem elterlichen Hof in ländlicher Umgebung aufgewachsen begann sie bereits mit neun Jahren sich für ihre Umwelt zu engagieren.

Bei der Aktion „saubere Alme“, einem Zufluss der Lippe in den beiden nordrhein-westfälischen Kreisen Hochsauerland und Paderborn, holte sie Fremdkörper aus dem trockenen Flussbett. „Zu den gefundenen Gegenständen zählten Kronkorken, Glasscherben und Elektroteile, sogar größere Dinge wie Badewannen und Bauschutt wurden dort entsorgt“, erinnert sich Jürgens an ihre Aufräummaßnahme. Die Affinität, für eine saubere Umwelt zu sorgen, setzte sich weiter fort und bestimmte letztendlich auch den Weg ihrer Ausbildung.

Nach dem Bachelorstudium in „International Studies in Management“ an der FH Bielefeld und zwei Semestern an der „Rotterdam Business School“, an der Jürgens erste Kurse mit einem Nachhaltigkeitsschwerpunkt belegte, setze sie ein Masterstudium für Nachhaltigkeitswissenschaften an der Leuphana-Universität in Lüneburg obendrauf. So ausgebildet bewarb sich Verena Jürgens an der Westfälischen Hochschule auf die Stelle als Nachhaltigkeitsmanagerin und begann Anfang Mai.

Jürgens: „Ich hoffe Menschen zeigen zu können, dass es das Richtige ist, sich nachhaltiger zu verhalten. Ich bin keine ‚Missionarin‘ und will auch keine sein. Es lohnt sich meiner Meinung nach, bewusst im Alltag auf mehr Nachhaltigkeit zu achten, sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz. Für viele Bereiche kann man gute, pragmatische Lösungen finden.“ Ein großes Problem sei, die Menschen zu erreichen, erzählt Verena Jürgens. Oftmals werde Nachhaltigkeit mit Verzicht und Verbot assoziiert, dabei sei es häufig „nur“ eine Umstellung auf eine andere „Marke“, die eine gleiche Verwendbarkeit hat, aber umweltfreundlicher ist. „Aber“, so Jürgens, „es gibt natürlich auch Öko-Produkte, die nicht der gewohnten Anwendung herkömmlicher Produkte entsprechen. Deshalb gehören viel ausprobieren, reflektieren und informieren einfach dazu.“

Die Informationen zu mehr nachhaltigem Handeln sollten ihrer Meinung nach deutlich zugänglicher und verständlicher sein: „Im Supermarkt muss ich mir beispielsweise selbst Gedanken machen, worauf ich Wert lege. Kaufe ich Bio-Produkte in Plastik verpackt oder konventionell und lose? Ist es regional und konventionell oder aus Südamerika importiert und Bio – was davon ist besser? Dabei ist eine ‚Nachhaltigkeitsampel‘ genau wie die ‚Nährstoffampel‘ ein Politikum, um die derzeit immer noch gestritten wird.“

Eine Krise, wie sie durch die weltweite Corona-Epidemie hervorgerufen wurde, sei immer ein günstiger Zeitpunkt für Veränderungen, ist sich Jürgens sicher – eingeschliffene Verhaltensmuster wurden unterbrochen. Dadurch wird ein Neustart einfacher als „von jetzt auf gleich“ das eigene Verhalten im Alltagstrott zu ändern. „Wer sich hin zu mehr nachhaltigen Handeln verändern will, sollte sich auf jeden Fall Zeit lassen und immer wieder kleine Schritte zur Routine machen“, rät Verena Jürgens.

Sich einfach ändern sei schwer beziehungsweise hänge auch von der jeweiligen Person ab, denn Veränderungen beziehen sich auch immer auf erlerntes Verhalten, welches am schwierigsten umzustellen sei. Außerdem sind alle Entscheidungen sehr individuell. Personen, die generell gerne Neues ausprobieren, haben es leichter als Personen, die Neuem erst einmal skeptisch gegenüberständen, so Jürgens weiter.

„Wer sich vielleicht fragt, was dies mit der Westfälischen Hochschule zu tun hat, sollte sich einmal auf die Grundlagen der Daseinsberechtigung einer Hochschule besinnen“, erläutern Jürgens und Latour. „Denn die Hochschule hat sich in ihrer Grundordnung zum Ziel gesetzt, ihre Aufgaben in Lehre, Forschung und Studium entsprechend ihrer Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt zu erfüllen und so einen Beitrag zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Entwicklung einer friedlichen, demokratischen und toleranten Welt zu leisten.“ An der Westfälischen Hochschule soll deshalb zukünftig ein ganzheitlicher Ansatz entstehen, mit dem nachhaltige Aspekte in allen Hochschulbereichen (Lehre, Forschung, Betrieb und „Third Mission“, womit ein gesellschaftlicher Auftrag und gesellschaftliche Verantwortung gemeint ist) verankert werden. Hierzu sei vor allem die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren innerhalb der Hochschule wichtig. Prof. Dr. André Latour und Verena Jürgens verschafften sich bereits einen ersten Überblick von Strategien und Ansätzen an der Hochschule. Sie werden mit vielen verschiedenen Mitarbeitenden fach- und standortübergreifend in Kontakt treten. Nachhaltigkeit sei vor allem eine Querschnittsaufgabe, welche nur gemeinsam betrachtet und bearbeitet werden kann. Insbesondere die bereits vorhandenen Erfahrungen und das Know-how der unterschiedlichen Hochschulangehörigen zu nutzen, sei besonders wichtig, sind sich Latour und Jürgens sicher.

Erste Ideen beziehen zudem alle Ressorts des Präsidiums mit ein, wodurch von Anfang an eine enge Abstimmung garantiert werde, berichten beide über den Start der gemeinsamen Aufgaben. So soll ein Austauschformat entstehen, um interdisziplinär über Ideen und Projekte mit Nachhaltigkeitsbezug zu sprechen und diese gemeinsam durchzuführen. Es gibt bereits eine sogenannte „Research Challenge“ (Ideenwettbewerb) für Lehrende und Studierende, die verstetigt werden soll, indem in jedem Semester zur Mitarbeit an anderen Themenschwerpunkten aufgerufen wird. Dies wiederum begünstige eine nachhaltigkeitsorientierte Forschung.

Fotogalerie

Auf einen weltweiten ressourcenschonenden Umgang mit der Umwelt verständigten sich viele Staaten:

Als Beispiel dafür steht die Rio-Konferenz von 1992 der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung. Schon damals einigten sich die beteiligten 178 Länder in einer Abschlusserklärung auf eine wirksame Umweltschutzgesetzgebung. Bereits fünf Jahre davor erschien im Jahr 1987 „Our common future“ (unsere gemeinsame Zukunft), ein erster großer Bericht der sogenannten Brundtland-Kommission, den die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen im selben Jahr veröffentlichte. Die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland hatte in dieser Kommission den Vorsitz und war Namensgeberin. Der Brundtland-Bericht gilt als der Beginn eines weltweiten Diskurses über eine nachhaltige und ressourcenschonende, Wirtschaftsentwicklung.

Positiv findet Verena Jürgens, dass eine öffentliche Debatte über nachhaltiges Handeln und ein Umdenken in den vergangenen Jahren weltweit eröffnet wurde: „,Fridays for Future‘ war anscheinend nötig, aber jetzt muss es trotz Corona-Pandemie damit weitergehen, denn ansonsten schläft die Initiative wieder ein. Absurd genug, dass das Thema durch Lobbyeinflüsse und politische Entscheidungen so lange verschleppt und verschlafen wurde.“