Die Natur macht es richtig vor

Bei Claudia Kruschel bastelten die Studierenden mit 3-D-Stiften Aufbaumodelle von Diatomeen, einer Form von Fotosynthese betreibenden, marinen Lebewesen. Da ihre Hüllen im Wesentlichen aus Silizium bestehen, heißen sie im Deutschen auch Kieselalgen. Im Meer müssen sie es schaffen, nahe genug an der Oberfläche zu bleiben, um das Sonnenlicht zu nutzen. Die Studierenden mussten daher kucken, dass sie eine möglichst große Oberfläche aus feinen Strukturen schaffen, um das Sinken über den Reibungswiderstand zu verhindern. In der marinen Wirklichkeit wirken Diatomeen dem Untergehen auch durch Auftrieb entgegen, zum Beispiel durch die Produktion von Öltröpfchen, die das spezifische Gewicht senken, sodass diese Kleinstlebewesen immer in der richtigen Wassertiefe „schweben“. Foto: WH/BL

Sechs Wochen lang lehrte Prof. Dr. Claudia Kruschel von der Universität Zadar in Kroatien an der Hochschulabteilung Bocholt ein Modul in mariner Ökologie und Biomimetik. Das ist die Nachahmung natürlicher Formen, Prozesse und Systeme zur Lösung menschlicher Probleme. Nach Bocholt kam sie über das Erasmus-Programm der Europäischen Union für Lehraufenthalte.

(BL) Ihr Ziel ist es, dass der Mensch in der Zukunft „besser in die Biosphäre passt“, indem er nur noch Materialien verwendet, die nach der Nutzung unmittelbar wieder in den Kreislauf der Elemente zurückkehren können. „Plastik verbleibt für immer im Stoffkreislauf, da es nicht von selbst und auch nicht effizient durch Dekomposition ins Leben zurückgeführt wird“, schließt Claudia Kruschel diesen Werkstoff unserer Zeit für sich aus. Für sie kommen Materialien in Frage, die aus denselben Elementen bestehen, welche auch in der Biosphäre immer wieder rekombiniert werden: „Elemente wie Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Phosphor und Schwefel bauen zu 90 Prozent die Biosphäre und eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft auf.“ Ihr Fach lehrte Claudia Kruschel als Wahlmodul im dritten und fünften Semester des Bachelor-Studiengangs Bionik und war mit rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mehr als gut gebucht, eigentlich schon zu voll, aber „ich wollte keinen wegschicken“. Sechs Montage lang standen morgens Vorlesungen auf dem Lehrprogramm und nachmittags Übungen, bei denen die Studierenden beispielsweise selbst experimentieren mussten, wie es fotoaktive Kleinstlebewesen im Meer schaffen, in der richtigen Tiefe zu sein, um etwa  das Sonnenlicht nutzen zu können und nicht unterzugehen.

Als Claudia Kruschel (heute 51) geboren wurde, gab es noch die DDR und anstatt sofort zu studieren, wurde sie zunächst Laborantin. Erst später studierte sie Mikro- und Molekularbiologie an der Universität Greifswald an der Ostsee. Das Wasser und die in ihm lebenden Organismen ließen sie nicht mehr los. Nach dem Studium untersuchte sie Bakterien in heißen Quellen des Yellowstone-Nationalparks in den USA und in hoch salzhaltigen Lagunen in Mexiko. Seit 2006 ist sie Professorin an der Universität Zadar in Kroatien am adriatischen Meer. Dort leitet sie den neu aufgebauten Studiengang für Unterwasserwissenschaft und -technologie. Ihr Credo: „Die Natur hatte fast vier Milliarden Jahre Zeit, Lösungen zu entwickeln, die eine sich immer wieder regenerierende Biosphäre hervorbrachte. Der Mensch sollte von ihr lernen. Das hilft uns, schneller Wege zu finden, genauso nachhaltig und in Kreisläufen zu produzieren wie natürliche Systeme.“