Digicamp fördert Lehr-Digitalisierung

Mit dem „Nürnberger Trichter“ soll das Wissen wie von selbst in den Kopf, so die Wunschvorstellung vieler Studierender. Den „Nürnberger Trichter“ in Form des hirngerechten Lernens stellte Prof. Dr. Klaus-Uwe Koch beim Digicamp vor. Foto: WH/BL

Die Digitalisierung ist in aller Köpfe. Auch für die Lehre. Ideen dafür und bereits begonnene Projekte stellte das Digicamp im Sommersemester vor: den Nürnberger Trichter in der Art von Prof. Dr. Klaus-Uwe Koch, die Digi-Aktivitäten der „Ruhr Master School“, die Social-Learning-Plattform „Perusall“ von Prof. Dr. Manfred Meyer und das „Teaching for Mastery“ bei Prof. Dr. Wolfram Conen.

(BL) „Unkaputtbar“ ist in den Köpfen der Menschen, vor allem derjenigen, die etwas lernen, die Wunschvorstellung vom „Nürnberger Trichter“, den man nur ansetzen muss, damit das Wissen wie von selbst und wie Wasser ins Hirn des Lernenden strömt. „So geht’s aber leider nicht“, weiß Prof. Dr. Klaus-Uwe Koch von der Lehreinheit Chemie der Hochschulabteilung Recklinghausen. Aber: Man könne Lernwiderstände zwischen Lehrenden und Lernenden überwinden und so den Wissensfluss befreien, erläuterte er. Dazu brauche man das richtige Transportsystem in die Köpfe der Studierenden. Koch arbeitet dabei mit Lernteams, die möglichst interdisziplinär nach ihrer Vorbildung zusammengesetzt sind und nicht zu große Gruppen sind. Als Einstieg gibt es Vorinformationen vom Lehrenden. Dann folgt eine Phase des Selbststudiums, egal, ob analog aus dem Buch oder digital aus anderen Medien. Lernteamsitzungen, bei denen die Gruppenmitglieder ihr Vorwissen austauschen und sich gegenseitig Lücken erklären, sind die nächste Stufe. Danach gibt es eine Plenarversammlung mit dem Lehrenden, bei der das Wissen analog, aber zunehmend auch digital präsentiert wird, um anschließend noch einmal rekapituliert zu werden, bevor es in die Prüfung geht. „Im didaktisch theoretischen Idealfall sind das mindestens sieben Stufen“, so Koch, „dann kann man in der Regel davon ausgehen, dass der Stoff so oft angefasst wurde, dass er dauerhaft sitzt.“ Der passive „Nürnberger Trichter“ ist das nicht, aber „gehirngerechtes Lernen im Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden“, resümiert Koch.

Die Passivität durchbrechen will auch Prof. Dr. Manfred Meyer, Wirtschaftsinformatiker am Hochschulstandort Bocholt: „Ich sehe zu viele Studierende, die zwar in die wöchentlichen Lehrveranstaltungen kommen, dazwischen aber machen sie Pause, anstatt sich kontinuierlich mit dem Lehrstoff zu beschäftigen“, berichtet er aus seinen Lehrerfahrungen. Das durchbricht Meyer mit einer Social-Learning-Plattform. Er nutzt die Plattform „Perusall“ und wirft die Studierenden damit aus der seiner Ansicht nach „Komfortzone“, nämlich Pause zu machen. Über Perusall stehen die Studierenden während der Zeiten zwischen den Lehrveranstaltungen in Kontakt, bereiten gemeinsam oder allein den Stoff der nächsten Lehreinheit vor, machen Übungen und beschäftigen sich so kontinuierlich mit dem Lehrstoff. Meyer: „In den Präsenzveranstaltungen bauen wir darauf auf, sodass mehr von der wichtigen Veranstaltungszeit vor allem den Themen gewidmet werden kann, die sich als Lernklippen erwiesen haben.“ Durch die Verlagerung in den digitalen Raum entspricht Perusall zugleich einem oft geäußerten Wunsch der Studierenden, zeit- und ortsunabhängig lernen zu können. Meyer ist der erste, der Perusall im deutschsprachigen Raum nutzt und ist noch dabei, das System auf deutschsprachige Gepflogenheiten einzurichten. „Wer sich dranhängen will, ist herzlich eingeladen“, so sein Appell an andere Lehrende der Hochschule.

In den digitalen Raum verlegt hat auch Prof. Dr. Wolfram Conen von der Fachgruppe Informatik seine Lehrveranstaltungen. Vor allem zum Üben. Er greift damit eine Idee von Salman Khan auf, der eine Art „Übe-Akademie“ erfunden hat, aufbauend auf dem Gedanken, dass es erst sinnvoll ist, die nächste Lernstufe zu erklimmen, wenn die letzte sicher und dauerhaft geübt und gelernt ist. Sonst würden sich Lernlücken sammeln und irgendwann geht beim Lernenden dann gar nichts mehr und er verschließt sich dem Studium. Dieses Lernsystem läuft unter dem Namen „Teaching for Mastery“, was man, so Conen, mit „lernen, ein Meister zu sein“ übersetzen kann. In den Digital-Übungen von Conen werden Übungsaufgaben immer wieder automatisiert neu generiert, sodass der Studierende sich so oft, wie er will, der Aufgabe stellen kann, bevor er in die Prüfung geht. Klingt ein bisschen wie ein Simulatortraining, mit dem die Astronauten aber auch gute Erfahrungen gemacht haben, um sich auf reale Störfälle im Weltraum vorzubereiten. In zehn Jahren digitalen Übens hat sich jedenfalls der Notendurchschnitt der Studierenden dieser Lehreinheiten um eine halbe Note verbessert und es fallen weniger Studierende durch die Prüfungen. „Rund zwei Drittel eines Jahrgangs machen in der Regel beim digitalen Üben mit“, hat Conen nachgezählt.

Die Digitalisierung für zeit- und ortsunabhängiges Lehren nutzen will auch die „Ruhr Master School“. Schon deswegen, weil sie ein Verbund der Hochschule Bochum, der Fachhochschule Dortmund und der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen und Bocholt ist. Dr. Dorothea Janofske und Martina Rüter von der Hochschule Bochum unterstützen bei der Einrichtung von E-Learning-Räumen und mobilen Ausrüstungseinheiten für die Digitalisierung von Lehrveranstaltungen. In der Nachbearbeitung etwa von Mitschnitten bieten sie eine Einführung in das Programm Camtasia, mit dem man Lehrveranstaltungsmitschnitte nachträglich schneiden und ergänzen kann. „Das strukturiert den ansonsten eher langatmigen Mitschnitt und kann zum Beispiel über Animationen und Quiz zum Spaßfaktor des asynchronen Lernens beitragen“, so Janofske. Ausgebildete E-Begleiter beziehungsweise E-Tutoren aus dem Kreis der Studierenden unterstützen die Lehrenden bei der Digitalisierung von Lehreinheiten.

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