Zwischen zwei Welten

Zwischen zwei Scheiben-Welten: Am Auto von Prof. Dr. Edda Pulst ging beim letzten Besuch in Syrien die Seitenscheibe zu Bruch. Jetzt hat das Auto eine deutsche Frontscheibe aus Glas und eine syrische Seitenscheibe aus Plastik. Auch Yarah Altabish schaut im übertragenen Sinn vom Beifahrersitz aus noch durch zwei verschiedene Scheiben: durch die syrische Scheibe ihrer Heimat und Herkunft, zunehmend durch die deutsche Scheibe ihres jetzigen Wohn- und Studienorts. Foto: WH/BL

Sie kommt aus Syrien und ist nach ihrer Flucht in Bocholt angekommen: Yara Altabish (23) studiert „International Management“. Ihr größter Wunsch ist es, sich nach einem erfolgreichen Studium in den deutschen Arbeitsmarkt einzufügen. Dazu hat sie im Sommer ein erstes, noch freiwilliges Industriepraktikum von zwei Monaten bei der „SMS Group“ in Düsseldorf gemacht.

(BL) Aus der Not eine Tugend machen, das könnte das Motto von Yara Altabish sein. In ihrer Heimatstadt Damaskus hatte sie bereits zwei Semester Wirtschaft studiert, als der syrische Bürgerkrieg immer näher rückte und sie mit ihrer jüngeren Schwester und einem Onkel die Flucht wagte: über die Türkei und Griechenland bis nach Deutschland. Von der Fünf-Millionen-Metropole Damaskus kam sie nach Bocholt mit knapp 75.000 Einwohnern. Von ihrer Muttersprache Arabisch musste die damals 19-Jährige auf Deutsch als neue Sprache wechseln. Damit begann sie 2015 schon vor ihrer Anerkennung als Flüchtling mit Büchern und einem Kurs bei einer Flüchtlingshelferin der Kirche, die sie heute ihre „deutsche Tante“ nennt. 2016 erhielt sie eine vorläufige Aufenthaltsberechtigung, lernte weiter Deutsch und machte an der Hochschulabteilung Bocholt einen studiumsvorbereitenden Deutschkurs in dem Programm „International Talents @ WH for Refugees“. Inzwischen ist sie in den Studiengang „International Management“ eingeschrieben und hat gerade das vierte Semester beendet.

„In Syrien war das Studium ganz anders als hier in Bocholt“, erzählt Yara Altabish, „die Hochschulen sind so überlaufen, dass viele keine Chance haben, an Präsenzveranstaltungen teilzunehmen. Außerdem ist das Studium sehr theoretisch. Hier in Bocholt wird das Fachhochschulstudium von Anfang an mit Praxis verbunden, das finde ich sehr gut.“ In der Wirtschaftsinformatik fiel sie Prof. Dr. Edda Pulst auf, die mit ihrem Programm „adapt2job“ selbst regelmäßig Gastlehrveranstaltungen in Syrien und Jordanien anbietet und die Heimatsituation von Yara Altabish kennt. Neben dem Studium entwickelte sich ein fast schon persönliches Verhältnis zwischen Studentin und Professorin. „Letztes Weihnachten fragte ich die Syrerin, was sie sich wohl zum deutschen Weihnachtsfest wünsche“, erzählt Pulst, „sie sagte, ihr Herzenswunsch sei ein Industriepraktikum.“ Edda Pulst konnte helfen und vermittelte Yara Altabish noch vor den im Studium vorgeschriebenen Praxisphasen in ein freiwilliges Industriepraktikum zur „SMS Group“ in Düsseldorf. SMS ist ein Anlagenlieferant für die metallurgische Industrie und im Tandem mit Pulst Ausbildungspartner bei „adapt2job“ bei der deutsch-jordanischen Universität (GJU) in Amman. An der beteiligt sich die Westfälische Hochschule über mehrere Fachansprechpartner. Unter anderen ist die Lehreinheit „Facilities Management“ an der GJU beteiligt. In Düsseldorf sprang Yara Altabish ins kalte Praxiswasser, mit Strangguss, Brammen und selbstlernenden Stahlwerken  hatte sie vorher noch nie etwas zu tun, da galt es als erstes Fachvokabeln zu lernen. Danach standen verschiedene Arbeitsbereiche der SMS-Gruppe auf dem Programm, sodass Altabish viele Gelegenheiten hatte, sich berufsvorbereitend zu bewähren.

Die Zukunft ist für jeden ungewiss. Für Yara Altabish aber noch ein wenig mehr als für die anderen Studierenden in Bocholt, denn ihre Zukunft hängt an der Aufenthaltsgenehmigung. „Ich finde es toll in Deutschland und ich werde alles daran setzen, mich hier als neuer Heimat zu bewähren.“ Ihr Plan ist klar: „Wahrscheinlich wird der Krieg in Syrien noch lange währen, deshalb möchte ich jede Chance nutzen, mir meine berufliche und private Zukunft in Deutschland aufzubauen.“